Ana Me Zentgraf

performing arts

anazentgraf(at)gmail.com

Zu Gast bei Urbane Künste Ruhr 2025

Im Rahmen meiner dreimonatigen Residenz Zu Gast an der Ruhr der Urbane Künste Ruhr forsche ich gemeinsam mit Marina Erler und Enrico Bordieri zu den unsichtbaren Wegen der Fleischproduktion und osteuropäischen Arbeitsmigration im Ruhrgebiet sowie zu den Spuren, die diese Industrie in Landschaften, Körpern und Erinnerungskulturen hinterlässt. Unter dem Arbeitstitel TÖNNIESSOPRANO erkunden wir die Verflechtungen zwischen Fußball, Fleischproduktion und Arbeitskämpfen. Ausgangspunkt ist die Figur des Fleischunternehmers und Schalke-04-Mäzens Clemens Tönnies sowie die von seinem Konzern geprägte Region. Wir besuchen Orte, die mit diesen Strukturen verbunden sind, von Schlachthöfen über Sammelunterkünfte bis hin zur VELTINS-Arena, und befragen nicht nur Menschen, sondern auch die Topographien selbst: Was erzählen Asphalt, Abwassergräben, Kantinen und Stadionwürste über Gewalt, Konsum und alltägliche Gewohnheiten? Unser Ziel ist eine neue Kartographie: eine performative Landkarte, die Erinnerungen und Geschichten der städtischen Bevölkerung, Arbeiterinnen, Fans und Konsumentinnen miteinander verknüpft. Die künstlerische Recherche mündete in einen „Fleischspaziergang“, der diese Orte verbindet und sie als Träger kollektiver Erfahrung sichtbar macht. Inspiriert von Temple Grandins Beobachtungen zur Architektur des Schlachtens suchten wir nach einer ästhetischen Form, die Fürsorge und Brutalität, Alltäglichkeit und Ausnahme nebeneinander erfahrbar werden lässt und entwickelten eine Erlebnispartitur.

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FIDSCHI RAGE, 2025

FIDSCHI RAGE ist eine autofiktionale Performance, die Wut nicht nur als Emotion, sondern als Klang, körperlichen Zustand und politische Bedingung untersucht. Ausgangspunkt ist die Erfahrung, von außen benannt, definiert und durch antiasiatischen Rassismus diszipliniert zu werden, insbesondere im Kontext Ostdeutschlands. Verortet zwischen Livestream-Ästhetiken, Performancekunst und Theater destabilisiert die Arbeit bewusst die Grenze zwischen Authentizität und Inszenierung, Biografie und Rolle.

Im Zentrum steht die Frage, wie autobiografisches Material auf der Bühne wirkt, wenn es weder klar als Repräsentation gerahmt noch in sichere Distanz überführt wird. Statt Trauma als verarbeitet zu zeigen, legt FIDSCHI RAGE es als fortlaufend, widersprüchlich und ungelöst offen. Daraus entsteht Reibung zwischen Intimität und Unbehagen, Empathie und Voyeurismus. Das Publikum wird zur Zeug*innenschaft gezwungen und muss seine Position immer wieder neu aushandeln.

Die Performance beginnt als scheinbar kontrollierter Livestream: Die Performerin, Kind einer binationalen Beziehung, spricht das Publikum als Follower an und inszeniert eine spirituelle Reise zu ihren „Wurzeln“. Diese glatte Oberfläche bricht, als die rassistische deutsche Großmutter auftritt. Fragmente von Kindheitserinnerungen drängen nach oben, das Setting kippt vom Self-Branding zum rohen Material familiärer und struktureller Gewalt.

Zentral ist die Auseinandersetzung mit dem rassistischen Begriff „Fidschi“, der in der DDR zur Bezeichnung vietnamesischer Vertragsarbeiter*innen benutzt wurde. Die Performance zielt nicht auf Versöhnung, sondern legt die in Sprache eingeschriebene Gewalt und ihre Einschreibung in Körper offen. Diese Gewalt wird körperlich in der Konfrontation mit einer lebensgroßen Puppe, die die Großmutter repräsentiert. In einem choreografierten Kampf treiben Erschöpfung, Atemlosigkeit und Kontrollverlust die Performerin real an ihre Grenzen. Der rassifizierte Körper erscheint nicht als Symbol, sondern als Körper unter Stress.

Darauf folgt eine Noise-Performance: Wut wird klanglich, nicht sprachlich artikuliert: als Überschuss, Störung und Zusammenbruch. Weitere Szenen, Zwangsfüttern mit vietnamesischer Nudelsuppe, Live-Kommentare zu Kindheitsfotos, eine surreale Reise nach „Fidschi Island“, oszillieren zwischen Parodie und Brutalität. FIDSCHI RAGE insistiert auf Ambivalenz, Verausgabung und Widerstand: KEEP ON PUNCHING!

Die Performance wurde bei 100° Diaspora im Rahmen des Festivals Performing Exiles der Berliner Festspiele sowie zum Festival Politik im freien Theater der Bundeszentrale für politische Bildung gezeigt.

KONZEPT / PERFORMANCE Ana Me Zentgraf
KONZEPT / SOUND Marina Erler
KONZEPT / DRAMATURGIE Enrico Bordieri

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TV TOTAL BANAL - Immer schön Lustig bleiben!, 2024

TV TOTAL BANAL war eine szenische Revue, die sich den Fernsehwelten der frühen 2000er Jahre widmete und dabei auf den sich überschneidenden Kindheits- und Jugenderinnerungen von Performer Leo Köppen, Performerin Arina Toni und mir, Regie und Dramaturgie, aufbaute. Für die Entwicklung des Stücks sichteten wir unzählige YouTube-Mitschnitte von Reality- und Trashformaten jener Zeit – Sendungen, die Millionen gleichzeitig vor den Bildschirm lockten und längst Teil einer vergangenen Unterhaltungslandschaft sind. Zwischen Nostalgie und kritischer Distanz traten beim Materialstudium zwei Ebenen hervor: einerseits die Vertrautheit, die sich mit den eigenen Erinnerungen verband, andererseits der schonungslose Blick auf Sexismus, Rassismus und andere Grenzüberschreitungen, die vielen dieser Formate eingeschrieben waren.

Auf der Bühne entstand daraus ein Spiel mit Überspitzung, dadaistischer Fragmentierung und liebevoller Aneignung. Wir zeichneten diskriminierende Momente scharf nach, zerlegten sie ins Absurde und ließen zugleich Raum für die Faszination, die diese Programme einst auslösten. TV TOTAL BANAL suchte nach einer Haltung zwischen Analyse, Hommage und Dekonstruktion – und fragte, was gemeinsames Lachen über Popkultur offenlegt: Welche Grenzen ziehen wir? Ist Humor eine Klassenfrage? Und wie lässt sich die Spannung zwischen akademischer Reflexion und „Fernsehbildung“ produktiv machen, ohne in eine Spirale der Abwertung zu geraten?

REGIE / DRAMATURGIE / KONZEPT Ana Me Zentgraf
PERFORMANCE / TEXT Arina Toni
PERFORMANCE / TEXT Leo Köppen
LIVE KAMERA Marina Erler
STATISTERIE Marcel Zais
FOTOS Adrian Lück

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Für Papa, 2023

Das Stück Für Papa folgt den Bruchlinien einer Familie: Opfer und Täter:innen, An- und Abwesende, Figuren, deren Gedanken zwischen realer Erfahrung und surrealer Bildgewalt oszillieren. Im Zentrum steht weniger eine Lösung als die Erforschung jener Konflikte, die sich unter der Oberfläche stauen.

Für diese Arbeit entstand – neben dem Text – auch eine Bildsprache, die Bühne und Kostüme als einen einzigen organischen Raum denkt. Kühler Stahl trifft auf modrig-feuchte Strukturen; Kirchenschiff, OP-Saal und Schlachthaus verschmelzen zu einer Heterotopie, die zugleich Gebärmutter, Ritualstätte und Ausstellungsraum sein kann. Religiöse und wissenschaftliche Rituale – Taufe, Heirat, Autopsie, Anamnese – bilden die visuelle Folie für die Beziehungen der Figuren.

Die Ausstattung eröffnet so einen Körper, durch den sich die Zuschauer:innen bewegen, ohne der vermeintlich abwesenden Mutter entkommen zu können. Tropfende Flüssigkeiten, harte Flächen und weiches Gewebe erzeugen einen permanenten Wechsel zwischen Distanz und Intimität. Diese szenische Topografie rahmt den Text und lädt dazu ein, sich den Schichten von Schmutz, Erinnerung und Befreiung zu nähern, die Für Papa verhandelt.

TEXT / DRAMATURGIE / BÜHNE / KOSTÜM Ana Me Zentgraf
REGIE Marina Erler
PRODUKTION Rebecca Bohnert
MASKE Sarah Letalik
SOUND / KOMPOSITION Leo Köppen

PERFORMANCE:
Pino Fels
Leo Köppen
Daniel Maier
Marcel Zais
Lisa Nossek
Lilly Zellmann

Rezension: https://kreuzer-leipzig.de/2023/02/13/daddys-girl

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4Wände 1Bett, 2022

4Wände 1Bett war ein partizipatives Projekt. Keine professionellen Schauspieler*innen, keine neutralen Körper, sondern Menschen, die eigene Erfahrungen mit Depression, Schweigen, Angehörigenschaft und Überforderung mitbrachten. Die Proben waren kein Ort der therapeutischen Offenlegung, sondern ein Raum, in dem Erfahrung Material wurde: fragmentiert, widersprüchlich, unsicher, manchmal unaussprechlich. Wir haben nicht „über Depression“ gesprochen, wir haben uns darin bewegt. Als roter Faden diente Kafkas Verwandlung, aber nicht als Literaturrequisite, sondern als Anatomie. Wir haben Gregor Samsas Kanapee zum „Depression Bed“ umgeschrieben, zu dem Ort, an dem Handlung blockiert, Sprache verschwimmt und Zeit sich staut. Die Familie wurde nicht zur grotesken Nebenfigur, sondern zu Angehörigen, die scheitern: ratlos, begeistert von ihrer eigenen Normalität, unfähig, Nähe auszuhalten oder Hilfe zu leisten. Das Bühnenbild bestand aus Dingen, die sonst unsichtbar bleiben: Plastikcontainer als „bottled emotions“, gestauter Abfall innerer Vorgänge, Mehrzweckrequisit zwischen Messie-Haushalt, Archiv ungeweinter Tränen und Waffe.

Die Ästhetik war nicht Abbildung, sondern Übersetzung: depressive Episode als Choreografie zwischen Stillstand und Überfunktion, zwischen Rückzug und Überforderung, zwischen „zu viel“ und „gar nichts mehr“.

Es ging nicht darum, Depression zu erklären. Sondern sie im Körper, im Raum und in der Beziehung spürbar zu machen, ohne Sicherheit, ohne Lösung, ohne Happy End. Ein Experiment, in dem das Publikum eingeladen war sich von allen vier Seiten des Zuschauerraums zu fragen: Zeuge? Angehöriger? Mitgemeint? Komplizin des Schweigens?

Von und Mit:
JOSEFINE PANKOW
JONAS HAUKE
MARCEL ZAIS
LAURA THIELE
RONI ANNA STARKE
LISA NOSSEK
ALEXANDRA EMIG
QUYÊN VO
ANNE IHM
JOHANNA QUINKE MOUSTAKA
ANA ME ZENTGRAF
FOTOS: Maurice Maria Erdtmann

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